Labs

Meine These: In wenigen Jahren besucht kaum noch jemand deine Website - und genau das ist deine Chance

4. September 202612 Min. Lesezeit

Ich fange mit der unbequemen Version an: Ich glaube, dass in wenigen Jahren kaum noch jemand Unternehmenswebsites besucht. Nicht, weil die Websites schlechter werden - sondern weil sich niemand mehr selbst durchs Internet klickt. Wir werden Fragen stellen, und ein Agent oder eine KI-Suchmaschine liefert die Antwort. Fertig zusammengefasst, verglichen, bewertet. Der Klick auf zehn blaue Links entfällt, und mit ihm der Besuch auf deiner Startseite.

Diese These habe ich kürzlich ausführlich mit einer KI durchdiskutiert - stundenlang, mit Gegenargumenten, Zahlen und Szenarien. Nicht weil ich meine Meinung bestätigt haben wollte, sondern weil ich wissen wollte, wo sie bricht. Das Ergebnis dieser Diskussion ist dieser Artikel. Spoiler: Die These hat gehalten. Sie wurde sogar schärfer.

Die Zahlen zeigen schon in diese Richtung

Das ist keine Science-Fiction, der Umbau läuft bereits. Eine Pew-Analyse von knapp 69.000 Google-Suchen aus dem Jahr 2025 zeigte: Sobald Google eine KI-Übersicht über den Ergebnissen anzeigt, klicken nur noch 8 Prozent der Nutzer überhaupt auf ein klassisches Suchergebnis - ohne KI-Übersicht sind es 15 Prozent. Und auf eine Quelle, die in der KI-Übersicht zitiert wird, klickt gerade einmal rund 1 Prozent. Microsoft misst in den Bing Webmaster Tools inzwischen ausdrücklich eine „AI Performance": wie oft einzelne Seiten in generativen Antworten zitiert werden.

Übersetzt heißt das: Die Suchmaschinen selbst bauen gerade den Zwischenschritt „Website besuchen" ab. Dein Content wird gelesen, verwertet und zitiert - aber immer seltener besucht. Der Traffic verschwindet nicht, weil du etwas falsch machst. Er verschwindet, weil die Vermittlungsschicht ihn schluckt.

Die Website stirbt nicht - sie wird zur Datenbank

Jetzt der Teil, der vielen Webdesignern nicht gefallen wird (mir übrigens auch nicht, ich verdiene mit Webdesign Geld): Wenn kaum noch Menschen die Website besuchen, verliert das Design seinen Rang. Die Website der Zukunft ist vorrangig kein Schaufenster mehr, sondern eine öffentlich zugängliche Wissens- und Transaktionsinfrastruktur. Eine Datenbank mit Gesicht, wenn man so will - und das Gesicht ist optional geworden.

Statt „Welche Seiten brauchen wir und wie sehen sie aus?" lautet die Ausgangsfrage künftig: „Welche Entitäten, Fakten, Belege, Medien und Aktionen muss unser Unternehmen Maschinen zur Verfügung stellen?" Erst ganz am Ende kommt die fast nebensächlich gewordene Frage, wie man einen Teil davon schön für Menschen rendert. Die Website ist dann nur noch eine Ausgabeform des Unternehmenswissens - neben KI-Suchmaschinen, Kundenagenten, Einkaufsagenten und APIs.

Schaubild: Gestern lief der Weg von der Suchanfrage über Google und den Klick zur Website. Morgen fragen Mensch, KI-Suchmaschine und Agenten direkt das Wissenssystem des Unternehmens ab - die Website ist nur noch eine Ausgabeform.
Gestern: Google, Klick, Website. Morgen: Alle Wege führen ins Wissenssystem - die Website ist nur noch einer davon.

Auch der Kauf bleibt beim Agenten

Der häufigste Einwand gegen meine These lautet: „Bei der Recherche mag das stimmen, aber wenn es ums Geld geht, will der Mensch doch die schöne Website sehen." Ich halte diesen Einwand für zu stark aus der heutigen Welt gedacht. Wenn mein Agent recherchiert, vergleicht und bewertet hat - warum sollte ich für den letzten Schritt plötzlich wieder selbst in ein Webinterface springen, Formulare ausfüllen und einen Warenkorb bedienen? Ich will maximale Automatisierung, nicht halbe.

Das realistische Szenario sieht eher so aus: Ich sage meinem Agenten, dass ich eine Photovoltaikanlage brauche - maximal 24.000 Euro, gute Komponenten, mindestens 15 Jahre Garantie, Installation bis Juni. Mein Agent redet mit den Systemen der Anbieter. Angebote, technische Daten, Garantien, Termine und Vertragsbedingungen werden maschinell ausgetauscht. Am Ende kommt eine einzige Rückfrage: „Anbieter B ist die beste Wahl, 23.480 Euro, Installation am 18. Mai. Soll ich beauftragen?" In diesem gesamten Vorgang hat kein Mensch eine Website gesehen.

Dafür braucht es Regeln - Fachleute nennen das Agentic Commerce: Der Nutzer definiert Vollmachten wie „Hotels bis 250 Euro pro Nacht autonom buchen, alles über 1.000 Euro nur nach Bestätigung, Abos niemals ohne Rückfrage". Gerade im B2B ist das absehbar Alltag: Ein Einkaufsagent überwacht Bestände, holt Angebote ein, berücksichtigt Lieferzeiten und Reklamationsquoten und bestellt dann selbst. Zwei Agenten treffen aufeinander - deiner und der des Unternehmens.

Design verliert Macht - aber es verschwindet nicht ganz

Heißt das, Design ist tot? Nicht ganz, und die Unterscheidung ist wichtig: Design wird seltener gebraucht, aber in den verbleibenden Momenten wichtiger. Wer 25.000 Euro ausgibt, will vielleicht doch einmal sehen, wer dahintersteckt: Wirkt die Firma seriös? Welche Projekte hat sie gebaut? Wer sind die Menschen? Nur wird dieser Blick kürzer und gezielter - eher ein prüfender Blick ins Gesicht als ein gemütlicher Ladenbummel.

Stell dir die Unternehmenswebsite von 2032 vor: ein Logo, ein hervorragendes Dialogfeld („Was möchtest du über uns wissen?") und eine Handvoll Kategorien. Kein Hero-Video über fünf Bildschirmseiten, keine 14 Slider, keine animierten Claims, bevor man erfährt, was das Produkt kostet. Das Interface wandelt sich vom Navigationssystem zum Dialogsystem. Und ein Teil des Designs wandert gleich ganz zum Agenten: Das Unternehmen liefert Fotos, Videos und Daten - der Agent baut daraus die Präsentation für seinen Nutzer. Nicht der Content verschwindet. Das Layout verliert seine Macht.

Warum „Unmenge an Content" die halbe Wahrheit ist

Mein erster Reflex war: Also brauchen Unternehmen künftig vor allem eines - massenhaft Content. Das stimmt, aber mit einer entscheidenden Korrektur: Es geht um eine Unmenge an belegbaren Fakten und einzigartigem Wissen, nicht um Textmasse. Denn mit generativer KI kann morgen jedes Unternehmen 100.000 mittelmäßige Artikel produzieren. Daraus entsteht kein Vorsprung mehr, sondern nur Rauschen.

  • **Wertlos wird:** austauschbarer SEO-Text, aufgeblasene Ratgeber ohne eigene Erkenntnis, generische Produktbeschreibungen. Das kann jede KI in Sekunden erzeugen - also ist es nichts mehr wert.
  • **Wertvoll wird:** echte Messwerte, dokumentierte Projekte, Preise, Erfahrungswerte aus abgeschlossenen Fällen, technische Dokumentation, Zertifikate, ehrliche Vergleiche. Dinge, die man nicht generieren kann, weil man sie erlebt haben muss.
  • **Der Schatz liegt intern:** In E-Mails, Angeboten, Supportfällen und den Köpfen der Mitarbeiter schlummert Wissen, das nirgendwo öffentlich strukturiert vorliegt. Wer es in eine zitierfähige Wissensstruktur überführt, baut einen Vorsprung auf, den man nicht kopieren kann.

Dazu kommt, was man Entity Authority nennen könnte: Maschinen müssen lernen, dass Firma X der Experte für Thema Y ist - bestätigt durch Fachmedien, Verbände, Kunden und Zertifizierungsstellen. Die Frage ist nicht mehr „Wie komme ich bei Google nach oben?", sondern „Wie wird mein Unternehmen für Maschinen zu einer eindeutig identifizierbaren, vertrauenswürdigen Wissensquelle?"

Der Vorteil der Frühstarter ist kumulativ

Und damit zum wichtigsten Punkt meiner These: dem Timing. Wer früh anfängt, sein Wissen strukturiert öffentlich zu machen, akkumuliert Dinge, die ein Nachzügler nicht aufholen kann - indexierte Inhalte, externe Zitate, Entitätsbeziehungen, historische Daten, echte Nutzersignale. Ein Wettbewerber kann in drei Monaten Text produzieren. Aber er kann nicht in drei Monaten fünf Jahre Evidenz erzeugen. Deshalb glaube ich, dass der Vorteil für vorbereitete Websites nicht nur groß sein wird, sondern schnell eintritt: Jede KI-Antwort, die dich heute zitiert, macht dich morgen wahrscheinlicher zur Quelle.

Das wertvollste digitale Asset eines Unternehmens ist bald nicht mehr seine Website - sondern das strukturierte, maschinenlesbare Abbild seines gesamten Wissens. Die Website ist nur noch ein Client dieses Systems.

Was wir bei CAZ Labs daraus machen

Wir bauen Websites seit einiger Zeit nach genau diesem Prinzip - auch unsere eigene. Drei Schichten: unten das Unternehmenswissen (Fakten, Projekte, Preise, Medien, FAQs), darüber die Maschinenschicht (sauberes semantisches HTML, strukturierte Daten, stabile URLs, Feeds und perspektivisch APIs), ganz oben die menschliche Schicht mit Marke, Design und Conversion. So bleibt die Seite heute schön für Menschen und wird gleichzeitig mit jedem Inhalt wertvoller für Maschinen. Falls du wissen willst, wie deine Website dasteht: Unser KI-Sichtbarkeits-Check zeigt es dir kostenlos, und was eine agententaugliche Website konkret ausmacht, haben wir ausführlich beschrieben.

Kann ich mit dieser These falsch liegen? Klar - beim Tempo. Vielleicht dauert es acht Jahre statt drei. Aber die Richtung halte ich für ausgemacht, weil jeder einzelne Schritt bereits begonnen hat. Und das Schöne an der Vorbereitung: Sie schadet auch dann nicht, wenn ich mich irre. Eine Website voller belegbarer Fakten, sauber strukturiert und schnell - die gewinnt in jeder Zukunft.

Bastian Portes

Bastian Portes

Gründer & CEO, CAZ Labs

Unternehmer, der codet - und Krimis schreibt.

Meine These: In wenigen Jahren besucht kaum noch jemand deine Website - und genau das ist deine Chance | CAZ Labs