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Die Welt verändert sich nie wieder so langsam wie heute

12. September 202610 Min. Lesezeit

Der Satz ist nicht von mir und nicht von Elon Musk. Justin Trudeau hat ihn 2018 in Davos gesagt: Das Tempo des Wandels war nie so hoch wie heute, und es wird nie wieder so niedrig sein. Damals klang das nach Rednerpult. Acht Jahre später ist es die nüchternste Beschreibung dessen, was ich in meiner eigenen Firma jede Woche erlebe. Was wir vor zwei Jahren in zwei Wochen gebaut haben, entsteht heute an einem Nachmittag. Und der Nachmittag wird kürzer.

Ich habe mir für diesen Beitrag angesehen, was Elon Musk in diesem Jahr öffentlich angekündigt hat. Nicht, weil er immer recht hätte, sondern weil er die Fabriken, Raketen und Rechenzentren besitzt, mit denen man solche Ansagen zumindest versuchen kann. Daraus habe ich fünf Thesen für die nächsten fünf Jahre abgeleitet, 2026 bis 2031, aus der Sicht eines Unternehmers, der Websites, Software und Filme baut. Und ich beginne mit einer Warnung.

Erst die Rechenregel: Richtung ja, Datum mal zwei

Musk hat 2019 angekündigt, dass 2020 eine Million Robotaxis fahren. Sie fuhren nicht. Vollständig selbstfahrende Teslas waren „nächstes Jahr“ seit ungefähr 2016. Wer seine Daten wörtlich nimmt, wird regelmäßig enttäuscht. Wer seine Richtungen ignoriert, wird regelmäßig überholt: Elektroautos, wiederverwendbare Raketen, Satelliteninternet, das alles waren Ansagen, über die man gelacht hat, bevor sie normal wurden.

Meine Regel für den Rest dieses Textes lautet deshalb: Die Richtung stimmt fast immer, das Datum nimmst du mal zwei. Wenn Musk „Ende 2026“ sagt, plane ich mit 2028. Wenn er „fünf Jahre“ sagt, plane ich mit zehn. Das reicht immer noch, um einem Unternehmen den Boden unter den Füßen wegzuziehen, das heute nichts tut.

Schaubild: Zeitstrahl 2026 bis 2031 mit Musks Ankündigungen - Ende 2026 KI klüger als jeder Mensch, Programmieren tot, KI-Spielfilm, Starship zum Mars; 2027 humanoide Roboter in Serie und eine Million Robotaxis; 2030 bis 2031 KI klüger als die Menschheit, keine Apps mehr, Menschen auf dem Mars. Darunter die Musk-Regel: Richtung stimmt, Datum mal zwei.
Musks Ansagen aus 2026 auf einem Zeitstrahl. Für die Planung gilt die Regel unten im Bild.

Was Musk 2026 angekündigt hat

  • **KI klüger als jeder Mensch.** In Davos sagte er im Januar, noch in diesem Jahr oder spätestens 2027 gebe es eine KI, die klüger ist als jeder einzelne Mensch, und um 2030 eine, die klüger ist als alle Menschen zusammen.
  • **Programmieren ist am Jahresende tot.** Die KI schreibe bald direkt Maschinencode, der Umweg über Programmiersprachen und Programmierer entfalle.
  • **Keine Apps, keine Handys wie heute.** Bei Joe Rogan beschrieb er ein Gerät, das nur noch Pixel und Töne anzeigt, die eine KI im Voraus für dich erzeugt. In fünf bis sechs Jahren, sagt er, gibt es keine Apps mehr, und der größte Teil dessen, was Menschen anschauen, ist von KI erzeugt.
  • **Ein Spielfilm aus der Maschine.** Im Juli kündigte er an, dass Grok Imagine noch 2026 eine komplette Verfilmung der Odyssee erzeugt, „historisch korrekt“, ohne Drehteam.
  • **Roboter in Serie.** Optimus Gen 3 geht in diesem Sommer in Produktion, ab Sommer 2027 in großen Stückzahlen. Sein Satz dazu auf X: KI plus Roboter könnten alles tun, das Ergebnis sei ein „universelles hohes Einkommen“, Arbeit werde optional. In zehn bis zwanzig Jahren, so seine Einordnung.
  • **Mars.** Ende 2026 soll ein Starship mit einem Optimus an Bord Richtung Mars starten, Menschen 2029, realistischer 2031.

Man kann jede einzelne dieser Ansagen anzweifeln. Ich tue das auch. Aber selbst wenn nur die Hälfte davon mit doppelter Verspätung eintritt, sieht 2031 anders aus als alles, worauf sich Unternehmen heute vorbereiten. Also, fünf Thesen.

These 1: Deine Website verliert ihren Besucher, und danach die App

Wenn Musk recht hat und die Oberfläche künftig von der KI im Moment erzeugt wird, dann gilt das nicht nur für Apps. Es gilt für jede Website. Niemand öffnet mehr deine Startseite, um zu erfahren, was du anbietest. Der Assistent des Kunden hat das längst gelesen, verglichen und zusammengefasst. Ich habe diese These in einem eigenen Beitrag ausführlich begründet, Musks Aussagen verschieben nur das Tempo nach vorn.

Für die nächsten fünf Jahre heißt das: Die Website wird zur Wissensquelle für Maschinen. Fakten, Preise, Projekte, Belege, sauber strukturiert und maschinenlesbar. Wer heute noch ein Hero-Video über fünf Bildschirmseiten legt und darunter drei Sätze Text hat, ist für den Assistenten des Kunden unsichtbar. Schön, aber unsichtbar.

These 2: Software wird so billig wie Strom, der Wert wandert zur Idee

„Programmieren ist am Jahresende tot“ halte ich wörtlich für falsch und in der Richtung für richtig. Wir schreiben bei CAZ Labs schon heute den größten Teil unseres Codes nicht mehr selbst, wir beschreiben, prüfen und entscheiden. Der Preis einer Zeile Software geht gegen null. Was nicht gegen null geht: zu wissen, welche Software ein Unternehmen wirklich braucht, welche Daten hineingehören, wer haftet, wenn sie falsch rechnet, und wer sie in drei Jahren noch versteht.

Für den Mittelstand ist das die beste Nachricht seit Jahrzehnten. Individuelle Software war bisher etwas für Konzerne mit Budget. In fünf Jahren hat der Handwerksbetrieb mit zwölf Leuten seine eigene Disposition, sein eigenes Angebotswerkzeug, seinen eigenen Kundenassistenten, weil das Bauen kaum noch etwas kostet. Agenturen, die Stunden verkaufen, verschwinden. Agenturen, die Verantwortung übernehmen, bleiben. Wir haben uns für das zweite entschieden.

These 3: Film ohne Drehtag wird der Normalfall

Ob Grok bis Weihnachten eine brauchbare Odyssee schafft, ist mir egal. Entscheidend ist, dass ein Unternehmen mit den Ressourcen von xAI das für ein realistisches Ziel hält. Wir produzieren seit einem Jahr Werbefilme, Serien und Erklärvideos komplett ohne Kamera, mit Gary & Linda haben wir eine Sitcom mit siebzehn Folgen gedreht, ohne dass ein Schauspieler jemals ein Studio betreten hat. Das war 2025 eine Kuriosität. 2028 ist es der Standard, und 2031 fragt niemand mehr, ob ein Werbespot gedreht oder erzeugt wurde.

Was das verändert: Der Werbefilm, der 50.000 Euro gekostet hat, kostet einen Bruchteil. Damit wird das Bild billig und die Idee teuer. Eine Pointe, die jemand freiwillig zu Ende schaut, ist die knappe Ressource, nicht die Kamera. Und es kommt eine Pflicht dazu: Seit August 2026 müssen KI-erzeugte Personen in der EU gekennzeichnet werden. Wer das ignoriert, hat bald ein anderes Problem als seine Reichweite.

These 4: Die Roboter kommen zuerst in die Halle, nicht ins Wohnzimmer

Optimus in Serie ab 2027, nach meiner Regel also ab 2029. Selbst dann steht kein Roboter in deiner Küche. Er steht in der Fabrik, im Lager, auf dem Messegelände, dort, wo Arbeit wiederholbar und der Arbeitsmarkt leer ist. Ich rechne damit, dass humanoide Roboter bis 2031 in Logistik und Fertigung so alltäglich sind wie heute der Gabelstapler, und dass man sie mietet statt kauft, wie einen Bagger.

Für die meisten Unternehmen, die ich kenne, ist das keine Bedrohung, sondern die Antwort auf die Frage, die sie mir seit Jahren stellen: Woher sollen die Leute kommen? Der Engpass der nächsten fünf Jahre ist nicht die Arbeit, die wegfällt. Es ist die Arbeit, für die es niemanden mehr gibt.

These 5: Arbeit wird nicht optional, aber sie ändert sich schneller als Lehrpläne

Musks „Arbeit wird optional“ liegt nach seiner eigenen Rechnung zehn bis zwanzig Jahre entfernt, nach meiner also außerhalb dieses Beitrags. Innerhalb der nächsten fünf Jahre passiert etwas anderes, und das ist unbequemer: Der Inhalt fast jedes Schreibtischjobs ändert sich, während die Stelle bleibt. Wer die Werkzeuge täglich benutzt, erledigt in einem Tag, wofür der Kollege eine Woche braucht. Dieser Unterschied ist heute schon sichtbar, und er wird nicht kleiner.

Kein Lehrplan, keine Weiterbildung und kein Berufsverband hält mit diesem Tempo mit. Die Unternehmen, die in fünf Jahren gut dastehen, sind die, in denen die Leute die neuen Werkzeuge einfach benutzen dürfen. Mit Regeln, mit Datenschutz, mit einer KI-Hausordnung, aber ohne Verbot. Ich habe zu viele Firmen gesehen, die KI erst „bewerten“ wollten und zwei Jahre später immer noch bewerten.

Das Risiko der nächsten fünf Jahre ist nicht, dass eine Maschine deinen Job macht. Das Risiko ist, dass ein Wettbewerber mit Maschinen deinen Kunden bedient, bevor du deine Bewertung abgeschlossen hast.

Was du in den nächsten zwölf Monaten tun kannst

  • **Wissen maschinenlesbar machen.** Preise, Leistungen, Projekte, Antworten auf die häufigsten Fragen: strukturiert auf die Website, nicht ins PDF. Das ist die Vorbereitung auf These 1, und sie kostet fast nichts.
  • **Eine eigene Software bauen lassen, die es bisher nicht gab.** Klein anfangen: das Angebotswerkzeug, die Disposition, der Assistent für die Hotline. Der Preis dafür ist gerade so niedrig wie nie, und er sinkt weiter.
  • **Einen Film ohne Drehtag ausprobieren.** Nicht als Imagefilm, sondern als Test: Funktioniert unsere Idee, wenn das Bild nichts mehr kostet?
  • **Eine KI-Hausordnung schreiben.** Eine Seite. Was darf rein, was darf nicht rein, wer prüft. Danach: benutzen.
  • **Alle sechs Monate neu entscheiden.** Was heute nicht geht, geht im Frühjahr. Wer einmal im Jahr plant, plant für eine Welt, die es dann nicht mehr gibt.

Kann ich mit diesen Thesen falsch liegen? Beim Datum sicher, dafür gibt es die Regel mal zwei. Bei der Richtung glaube ich es nicht, weil jeder einzelne Schritt schon begonnen hat, in unserem eigenen Betrieb. Und wenn Musk zur Abwechslung einmal pünktlich ist, dann ist selbst die Regel zu langsam.

Bastian Portes

Bastian Portes

Gründer & CEO, CAZ Labs

Unternehmer, der codet - und Krimis schreibt.

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